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Zinskommentar Archiv

EZB bekommt kalte Füße

Kaum hatten sich die Märkte auf eine Phase steigender Leitzinsen in Euroland eingestellt, überrascht Trichet, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), schon wieder. Mit der gestrigen Entscheidung, den Leitzinssatz, der Anfang April um 0,25% auf 1,25% angehoben worden war, unverändert zu lassen, hat Trichet eine Reihe von Fragezeichen hinterlassen. Die Aussagen von Trichet im Rahmen der Pressekonferenz deuten sogar darauf hin, dass erst wieder im Juli eine weitere Zinsanhebung folgen könnte - oder auch nicht. Während also die Inflationsdaten in Euroland genauso wie in den meisten anderen wichtigen Währungsräumen eindeutig über den von der EZB postulierten Zielwerten liegen, stoppt die Notenbank den gerade eingeschlagenen Weg noch bevor sie richtig angefangen hat. Sieht so eine glaubwürdige Stabilitätspolitik aus? Die meisten Marktbeobachter hatten erwartet, dass die EZB ihr Mandat nutzen würde, um relativ rasch den Leitzins von dem Krisenniveau von 1% auf eine neutrale Größe von 2-2,5% zu bewegen.

Abwartende EZB-Haltung schafft Raum für Spekulationen
Die derzeit höheren Inflationsraten wären besonders gegenüber der Politik ein gutes Argument gewesen, die Leitzinsen schnell anzuheben und damit auch ein klares Zeichen zu setzen, dass man es mit dem Management von Inflationserwartungen ernst meint. Natürlich hätte ein solcher Schritt auch den Euro gegen den Dollar weiter steigen lassen und damit einerseits Importe verbilligt, Exportchancen aber geschwächt. Aber genau darum geht es eben: Sorgt sich die EZB um Preisstabilität oder beginnt sie schrittweise mehr als Handlanger der Politik im Management des Wirtschaftswachstums zu agieren? Warum hat die EZB der Mut verlassen? Ist es die Furcht vor einem neuerlichen Rückfall der USA in die Rezession nach den zuletzt enttäuschenden Konjunkturzahlen und den eventuellen Auswirkungen auf Euroland? Ist es die Befürchtung, dass die Budgetkonsolidierungsmaßnahmen in den Euro-Mitgliedsländern in den nächsten Quartalen das Wachstum stärker einbremsen werden als derzeit erwartet - und dass daher eine Serie von Zinserhöhungen den Bremseffekt verstärken würde? Ist es vielleicht die Sorge, dass die angeschlagenen Banken von rasch steigenden kurzfristigen Zinsen in ihrer Gesundung gefährdet würden? Oder ist bei allem öffentlichen Gerede über Inflation in den Köpfen der Notenbanker immer noch die Angst vor Deflation vorhanden? Die vorschnellen Zinserhöhungen in Japan Anfang des letzten Jahrzehnts, die immer wieder zurückgenommen werden mussten, weil die Wirtschaft in die nächste Rezession rutschte, könnten ihnen als Warnung gelten.

Tatsache ist: Eine Notenbank, die der Geldwertstabilität verpflichtet ist, ein Inflationsziel von unter 2,0% hat und die Inflationsrate am Beginn einer Wirtschaftserholung auf 3% zusteuern sieht, kann - bei gleichzeitiger massiver Liquiditätsversorgung des Bankensektors - nicht ernsthaft einen Leitzins von 1,25% für richtig halten. Es sei denn, sie sieht die nächste Konjunkturabschwächung schon um die Ecke kommen oder nimmt trotz öffentlicher Warnungen die Inflationsgefahr in der internen Diskussion nicht ernst. Die dritte Variante, dass die EZB zwar gerne die Zinsen anheben möchte, der politische Einfluss aber inzwischen so stark ist, dass man viel langsamer vorgeht als gewollt, ist trotz der personellen Rochaden in der Bundesbank und der offensichtlichen Machtspiele im Poker um die Neubesetzung der EZB-Führung als unwahrscheinlich einzuschätzen. Aber natürlich werden der von Kanzlerin Merkel besetzte neue Bundesbank-Präsident Weidmann und der von Sarkozy und den Südländern designierte EZB-Präsident Draghi beweisen müssen, ob sie in diesen schwierigen Phasen dem Einfluss ihrer Ziehmütter und Ziehväter widerstehen können. Die EZB ist schon heute die letzte Bastion unter den großen Notenbanken. Nicht wenige Politiker in Europa arbeiten daran, sie zu Fall zu bringen und die Geldpolitik in den Dienst ihrer schlechten Wirtschafts- und Finanzpolitik zu stellen.


Leicht rückläufige Baugeldzinsen nutzen
Für die Zinsentwicklung am Anleihemarkt und damit auch für die Hypothekenzinsen bedeutet das Stillhalten der EZB vorerst eine Stabilisierung nach vielen Monaten steigender Zinsen. Die aktuell leicht rückläufigen Zinsen sind aus unserer Sicht aber eine technische Korrektur in einem Aufwärtstrend und keine Trendänderung. Wir sehen nach einigen Wochen die Gefahr, dass die alten Befürchtungen in Bezug auf steigende Inflationsraten wieder in den Vordergrund treten werden und damit die Gefahr höherer Langfristzinsen erneut zunehmen wird. Für die nächsten Wochen gilt es, die günstigeren Konditionen zu nutzen und gerade mit längeren Laufzeiten für Kalkulationssicherheit zu sorgen.

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