Zinskommentar Archiv
Hohe Nervosität an den Finanzmärkten
Auch in dieser Woche waren die Schwankungen an den Aktien-, Zins- und Währungsmärkten wieder sehr groß. Die Investoren versuchen derzeit, sich für das nunmehr von vielen erwartete Szenario eines neuerlichen Schwächeanfalls der Weltwirtschaft zu positionieren. Immer klarer wird, dass die Sparpakete und die Haushaltskonsolidierung, die Europa und auch die USA vor sich haben, im klaren Gegensatz zu der noch vor einigen Monaten als Postulat geltende Annahme der führenden Politiker stehen, dass man aus der Krise herauswachsen und dann die Schulden zurückführen werde. Dieser Weg wird immer mehr als naive politische Wunschvorstellung enttarnt. Die Politik hat angesichts der Eurokrise längst Angst vor ihrer eigenen Courage bekommen und legt nun den Rückwärtsgang ein. Nicht Konjunkturpakete sollen jetzt die Antwort sein, sondern radikale Sparpakete in ganz Euroland - eine bemerkenswerte Kehrtwende innerhalb weniger Monate. Interessant ist dabei besonders, dass die USA seit Monaten nur mehr die Rolle des nahezu unbeteiligten Beobachters spielen. Auch bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass die Verschuldungsquote in den USA sowohl im öffentlichen Haushalt als auch im privaten Bereich deutlich höher liegt und die USA, im Gegensatz zu Euroland, für die Finanzierung ihres Defizits auf ausländische Geldgeber angewiesen ist. Da trifft es sich gut, wenn der Euro - der gerade dabei war, dem US-Dollar ernsthaft Konkurrenz als Reservewährung zu machen - in eine Vertrauenskrise stürzt. Allein im April haben internationale Geldgeber, allen voraus China und Japan, US-Anleihen für 140 Mrd. Dollar gekauft und die Renditen in den USA weiter nach unten getrieben. Da lassen sich Defizite gut aushalten. Den US-Dollar aber auf Dauer für die sichere Alternative zum Euro zu halten, könnte sich aber als großer Fehler erweisen. Schon jetzt besteht eine fatale gegenseitige Abhängigkeit zwischen den USA und China. China ist der Schlüssel zum Weltwirtschaftswachstum und damit als Impulsgeber für die USA unverzichtbar. Die USA wiederum muss die Chance auf Wachstum bekommen, sonst sieht China als größter Gläubiger der USA sein in US-Staatsanleihen investiertes Geld nicht wieder. Und auch Japan ist als zweitgrößter Gläubiger der USA daran interessiert, dass die Zinsen weiter bezahlt werden können. Europa ist in diesem Spiel der gegenseitigen Abhängigkeiten in einer Zuschauerrolle und muss darauf achten, nicht überrollt zu werden, obwohl es eigentlich gar nicht auf dem Spielfeld vertreten ist. Für die nächsten Wochen erwarten wir weitere Tests der 1,20er Marke bei Dollar/Euro, Abwärtsdruck am Aktienmarkt und weiterhin gute Nachfrage nach sicheren deutschen Bundesanleihen. Gefahr für den Zinsmarkt könnte von den USA ausgehen, wo es nach Wochen fallender Renditen zu größeren Gewinnmitnahmen kommen könnte. Das würde auch die Renditen in Euro steigen lassen.
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