Zinskommentar Archiv
EZB zwischen Inflation und Konjunktursorgen
Während in den USA, vor dem Hintergrund weiterhin schwacher Konjunkturzahlen, in den nächsten Wochen eine Leitzinssenkung auf 2,00% erwartet wird, hat die Europäische Zentralbank (EZB) begonnen, die Marktteilnehmer auf die Möglichkeit einer Leitzinserhöhung einzustellen. Auch wenn das auf den ersten Blick und angesichts der von den USA ausgehenden Kreditkrise überraschend erscheint, ist es am Ende nur konsequent. Die Inflationsrate für Euroland hat im März mit 3,6% den höchsten Stand seit 16 Jahren erreicht. Die EZB erwartet inzwischen kein schnelles Absinken, sondern befürchtet für das Gesamtjahr 2008 ein Niveau von durchschnittlich 2,9%, also deutlich über der Zielmarke von unter 2,0%. Beginnende Zweitrundeneffekte über aggressive Lohnrunden und weiter steigende Großhandelspreise werden mit Sorge betrachtet. Einzelne EZB-Ratsmitglieder haben die Möglichkeit von Leitzinsanhebungen bereits öffentlich in den Raum gestellt. Hatten die Marktteilnehmer noch im Februar auf baldige Leitzinssenkungen spekuliert und damit die kurzfristigen Zinsen deutlich unter den Leitzinssatz von 4,0% getrieben, so hat sich die Erwartungshaltung jetzt geändert. Die zweijährigen Pfandbriefsätze liegen inzwischen bei 4,50%, nachdem sie noch im Februar bei 3,70% rentierten. Im Gegensatz dazu sind die zehnjährigen Zinssätze im gleichen Zeitraum nur von 4,30% auf nunmehr 4,60% angestiegen. Die Zinsstrukturkurve ist damit in Euroland wieder extrem flach geworden. Dies drückt wiederum aus, dass der Markt derzeit von hohen Inflationsraten für die nächsten 12 bis 18 Monate ausgeht. Danach wird aber wieder Entspannung erwartet und daher die Risikoprämie bei den langen Zinsbindungen noch nicht höher gesetzt. Die gestrigen schwachen Werte des ifo-Geschäftsklimaindex für April haben allerdings auch wieder die Konjunkturpessimisten auf den Plan gerufen und stellen den tatsächlichen Spielraum der EZB für Leitzinserhöhungen durchaus in Frage. Wir erwarten für die nächsten Wochen Nervosität am Zinsmarkt, die besonders durch weitere Inflationsnachrichten geschürt werden könnte. Der Aufwärtsdruck bei den Zinsen wird vorerst jedoch bestehen bleiben.
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