Immobilienkauf: jetzt handeln, statt auf den „Silver Tsunami“ zu warten
von Jan GerkeGibt es in einigen Jahren am Immobilienmarkt eine Schwemme an Angeboten von Ein- und Zweifamilienhäusern, weil die geburtenstarken Jahrgänge ins Alter kommen? Finanzwelt und Wissenschaft haben Zweifel an dieser „Silver Tsunami“-Theorie.
Immer mehr Arbeitskräfte gehen in den Ruhestand. Das hängt damit zusammen, dass die geburtenstarken Nachkriegs-Jahrgänge, die sogenannten „Babyboomer“, ins Rentenalter gekommen sind oder demnächst kommen. Der Begriff Babyboomer ist nicht exakt definiert. In den meisten Fällen werden die Jahrgänge 1946-1964 genannt, es existieren aber auch Angaben wie Mitte der 50er Jahre bis Mitte der 60er Jahre. Diese 60- bis 80-Jährigen wohnen in Deutschland auf Kreisebene zu mehr als einem Drittel im eigenen Zuhause, wie das Online-Portal für Immobilienmakler Jacasa in einer Studie errechnet hat. In einigen Regionen Ostdeutschlands betrage der Anteil sogar mehr als 40 %. Die Boomer-Haushalte stünden in den nächsten 10-20 Jahren vor einem Umbruch. Eventuell wird das Haus oder die Wohnung zu groß, die alten Menschen möchten keine Treppen mehr steigen oder sie versterben. Daher erwartet Jacasa, dass zwischen 2040 und 2050 altersbedingt Millionen Immobilien ihre Besitzerin oder ihren Besitzer wechseln. In Großstädten könne das Mehrangebot an Immobilien „voraussichtlich problemlos absorbiert“ werden. Anders in ländlichen Regionen. Da die nachfolgenden Generationen einen kleineren Personenkreis umfassten und verstärkt in die Städte zögen, drohe in strukturschwachen Regionen ein Angebotsüberhang, der – so Jacasa – zu Preisverfall und Leerstand führen könne.
Interhyp-CEO Jörg Utecht hegt Zweifel an der Silver Tsunami-These (steht für die ergrauten oder weißen Haare dieser älteren Generation). Entscheidend bleibe die Lage der jeweiligen Immobilie. In vielen Ballungszentren ist Wohnraum seit Jahren knapp
, erklärt Utecht. München, Berlin oder Düsseldorf werden nicht plötzlich entspannter, nur weil einzelne Immobilien aus der Babyboomer-Generation auf den Markt kommen.
In strukturschwächeren Regionen hingegen seien Nachfrage und Preise schon heute entspannter. Hier könnten demografische Effekte stärker wirken. Utecht rät davon ab, auf ein übergroßes Immobilienangebot und einen Preisverfall infolge von Alterung zu warten. Beim Immobilienkauf gibt es immer etwas, auf das man warten kann: sinkende Zinsen, niedrigere Preise, neue Förderungen oder eben den „Silver Tsunami“. Nur bedeutet Warten nicht automatisch, später günstiger zu kaufen.
Statt auf ein Ereignis zu warten, das womöglich nie eintrete, sei es besser sich auf die eigenen Möglichkeiten zu konzentrieren. Entscheidend sei, dass Finanzierung, Suchradius, Fördermittel, Objektgröße und langfristige Tragfähigkeit zusammenpassten.
Auch die Sparkassen blicken skeptisch auf die Wahrscheinlichkeit einer Immobilienwelle und verweisen auf das Beispiel Japan. Dort sei die Bevölkerung in den vergangenen 15 Jahren um etwa 5 % zurückgegangen. Trotzdem seien die Immobilienpreise gestiegen. Die Altersstruktur allein reiche nicht aus, um künftige Prozesse am Immobilienmarkt zu prognostizieren. Wichtig seien auch die Entwicklung der Gehälter, die Zinsen, der Wohnungsbau, die Migration sowie der Trend hin zu den Städten oder raus aufs Land. Auch die Postbank erkennt in ihrem aktuellen Wohnatlas 2026 keinen Preisverfall am Horizont, sondern erwartet, dass Kaufpreise für Eigentumswohnungen im Bestand bis 2035 im Durchschnitt über alle Landkreise und kreisfreien Städte hinweg inflationsbereinigt bis um 0,41 % pro Jahr steigen. Besonders stark werde dieser Preisanstieg voraussichtlich in einigen Groß- und Mittelstädten ausfallen, dazu in den Umlandregionen der sieben größten Metropolen, in Teilen Süddeutschlands und in einigen Ferienregionen. Preisrückgänge seien hingegen in stark ländlich geprägten Regionen in Ost- und Mitteldeutschland sowie in einigen grenznahen Gebieten zu erwarten.
Der Immobilienökonom Thomas Beyerle, Professor für Immobilienwirtschaft an der Hochschule Biberach, hält ebenfalls wenig vom Silver Tsunami. In einem Gastbeitrag für das Redaktionsnetzwerk Deutschland (rnd) weist er darauf hin, dass die Babyboomer-Häuser nicht alle zeitgleich auf den Markt kämen, sondern über Jahre und Jahrzehnte hinweg vererbt, übertragen oder veräußert“ würden. Deshalb rechnet Beyerle in Bezug auf Immobilienangebote statt mit einer Riesenwelle mit einer „langsam steigende Tide
. Wichtiger als die Zahl sei die Qualität der Häuser. Viele davon seien in den 60er und 70er Jahren gebaut worden und hätten einen entsprechenden energetischen und architektonischen Modernisierungsbedarf. Auch das Marktforschungsinstitut empirica erwartet keine Immobilienwelle, sondern „eher kleine Bäche“. Schließlich erstrecke sich die Sterblichkeit der Boomer über 15 bis 20 Jahre. Zudem seien die Preise auf dem Land jetzt schon niedrig.
Verwendete Quellen
LinkedIn Post von Jörg Utecht: Drücken die Babyboomer bald die Immobilienpreise?(öffnet in neuem Fenster)
Jacasa: Der Silver Tsunami: 32% aller Eigentumsimmobilien in Babyboomer-Besitz(öffnet in neuem Fenster)
Sparkasse: „Silver Tsunami“: Wenn Millionen Häuser den Besitzer wechseln(öffnet in neuem Fenster)
Postbank: Immobilienpreise in Deutschland 2025 wieder gestiegen(öffnet in neuem Fenster)
RedaktionsNetzwerk Deutschland: Was ist dran am „Silver Tsunami”?(öffnet in neuem Fenster)
Empirica: Immobilienpreisindex 2026(öffnet in neuem Fenster)
Statistisches Bundesamt: Die Babyboomer auf dem Gipfel der demografischen Welle (PDF)(öffnet in neuem Fenster)