Trotz höherer Bauzinsen: Regionale Kaufchancen nutzen

Porträtfoto von Jan Gerke, Senior Desk Finanzierungsberater bei Interhypvon Jan Gerke, Senior Desk Finanzierungsberater

Ein gestiegenes Zinsniveau für Immobiliendarlehen trifft aktuell auf einen Wohnungsmarkt mit regional teilweise steigenden, aber auch rückläufigen Kaufpreisen. Immobilieninteressierte sollten daher nicht vorzeitig aufgeben, sondern ihre Möglichkeiten prüfen.


Aktuell liegen die Zinsen für zehnjährige Darlehen im Schnitt bei etwa 4,46 %. Zum Vergleich: Im Juli waren es noch 3,8 %. Natürlich drücken die gestiegenen Zinsen bei vielen Kundinnen und Kunden auf die Leistbarkeit, räumt der Interhyp-Vorstandsvorsitzende Jörg Utecht ein. Bei einer durchschnittlichen Finanzierung verteuere sich die monatliche Rate um fast 200 Euro. Doch der Zins sei nur einer von mehreren wichtigen Bestandteilen einer Finanzierung, man müsse die gesamte Finanzierungsstruktur in den Blick nehmen. Welche Tilgung wähle ich? Welche Zinsbindungsdauer? Kann ich KfW-Fördermittel einbinden? All diese Bausteine haben einen Einfluss auf die monatliche Rate, gibt Utecht zu bedenken. Außerdem sieht er bei den Immobilienpreisen Verhandlungsspielraum vor allem bei Bestandsimmobilien. Daher würde ich Kaufinteressierten dazu raten, das wieder höhere Zinsniveau in die Verhandlungen mit einzubringen.

Tatsächlich zeigt sich am Immobilienmarkt ein sehr differenziertes Bild mit regional teilweise steigenden und teilweise fallenden Kaufpreisen. Das geht aus neuen Zahlen des Statistischen Bundesamts zum zweiten Quartal 2026 hervor. So gaben in den Top-7-Metropolen die Preise für Eigentumswohnungen nach – sowohl im Vergleich zum Vorquartal (-0,5 %) als auch zum Vorjahresquartal (-0,4 %). Bei Ein- und Zweifamilienhäusern registrierte das Bundesamt dort einen Anstieg gegenüber dem zweiten Quartal 2025 um 0,7 %, im Vergleich zum ersten Quartal 2026 gingen die Preise jedoch um 0,6 % zurück. Durchgehend steigende Preise von bis zu 2 % gab es in den kreisfreien Großstädten außerhalb der Metropolen. In den dicht besiedelten ländlichen Kreisen stiegen die Preise für Ein- und Zweifamilienhäuser, während für Eigentumswohnungen weniger zu zahlen war als im Vorquartal und Vorjahresquartal. In den dünn besiedelten ländlichen Kreisen wurden Eigentumswohnungen ebenfalls günstiger. Ein- und Zweifamilienhäuser kosteten dort weniger als vor einem Jahr, aber mehr als im Vorquartal.

Auch das Portal Immowelt zeichnet in seinem Preiskompass für das dritte Quartal 2026 ein sehr differenziertes Bild von den Angebotspreisen. Demnach erhöhten sich die Preise für Eigentumswohnungen und Einfamilienhäuser im Bestand gegenüber dem Vorquartal jeweils um 0,7 %. Im Vorquartal hatte die Steigerung noch 1,0 % bei Wohnungen und 1,1 % bei Häusern betragen. Dass die Preisdynamik nachgelassen hat und gegenläufige Entwicklungen beinhaltet, verdeutlicht Immowelt mit einem Blick auf die 15 bevölkerungsreichsten Städte. So verteuerten sich Bestandswohnungen im 3. Quartal nur noch in 10 der 15 Städte (Vorquartal 12 von 15). Am stärksten legten die Preise in Düsseldorf (+3,7 %) und Essen (+3,5 %) zu. Preisrückgänge von bis zu 1,9 % gab es hingegen in Duisburg, Dortmund, Hannover und Nürnberg. Bei Einfamilienhäusern sind Dortmund und Essen (jeweils +4,2 %) die Spitzenreiter. In Berlin (-0,5 %) und Frankfurt (-1,7 %) gingen die Preise im 3. Quartal zurück.

Eine Prioritätenverschiebung stellt Immowelt beim Suchverhalten der Interessierten fest: Der Anteil der Kaufanfragen sank im Zeitraum Januar bis August 2026 von 19,4 % auf 18,3 % im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig stieg der Anteil der Mietanfragen von 80,6 auf 81,7 %.

In einer weiteren Analyse hat Immowelt festgestellt, dass ostdeutsche Großstädte und ihr Umland attraktiver geworden sind und deshalb höhere Preissteigerungen aufweisen. In 74 von 76 untersuchten Städten und Landkreisen seien die Angebotspreise für Bestandswohnungen von Anfang September 2025 bis Anfang September 2026 im Durchschnitt um 3,8 % gestiegen. An der Spitze stand Gera mit einer Steigerung von 12,2 %. Insgesamt verlagerten sich, so Immowelt, die Preissteigerungen zunehmend von den Städten in deren Umland – mit Ausnahmen wie Berlin und Dresden.

Utecht rät Immobilieninteressenten, ihre Möglichkeiten zu nutzen. Solange sich die weltwirtschaftliche Lage nicht beruhige, rechne er nicht mit einem deutlichen Rückgang der Bauzinsen. Der Experte verweist auf die Bedeutung des Faktors Eigenkapital. Je mehr Eigenkapital eingebracht wird, desto geringer ist das Risiko für die Bank und desto besser der Zinssatz. Vorgezogene Erbschaften oder kleinere Schenkungen könnten das Eigenkapital aufstocken und so bei den Zinsen viel bewirken. Immobilieninteressierte sollten daher das Gespräch mit den Eltern oder Verwandten suchen.